Der Blaue Turm in Bad Wimpfen

Die Rettung des Blauen Turms in Bad Wimpfen

Dauer: 00:14:16 | © SWR 2016/ MPA Universität Stuttgart 2022 | Quelle: YouTube

Nutzung mit freundlicher Genehmigung des SWR. Ausschnitte aus Tolle Aussichten: Türme im Südwesten. Andrea Lotter, SWR, 2016.

Der Blaue Turm ist in seiner Grundstruktur etwa 800 Jahre alt. Er wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts als Bergfried der staufischen Kaiserpfalz errichtet. Im Lauf der Geschichte wurde der Turm mehrfach umgebaut. Sein heutiges Erscheinungsbild hat er beim Wiederaufbau nach dem Brand von 1848 erhalten. Das Wahrzeichen der Stadt Bad Wimpfen ist weithin im Neckartal sichtbar und prägt das Stadtbild.

Das Mauerwerk des Blauen Turms besteht hauptsächlich aus Quadern des Oberen Muschelkalks, dem sogenannten Blaustein. Wenn der Stein gebrochen wird, erscheinen die frischen Bruchflächen bläulich - die Herkunft des Namens "Blauer Turm".

Der Ausgangszustand

Seiner dauerhaften Konstruktion ist es zu verdanken, dass der Turm über die Jahrhunderte erhalten geblieben ist. Die Zeit hat aber auch an diesem Meisterwerk alter Baukunst sichtbare Spuren hinterlassen, was eine Sanierung unumgänglich gemacht hat. Als Zeugnis der Bauzeit und der Geschichte bis zum heutigen Tag kommt dem Erhalt des monumentalen Baus eine besondere Bedeutung zu.

Das zum Teil noch romanische Kalksteinmauerwerk der Stauferzeit des Blauen Turms in Bad Wimpfen hat durch wiederholte Brände und Wiederherstellung des oberen Turmhelms mehrfach statisch relevante Veränderungen erfahren. Seit etwa 1851 wird von Rissbildungen im romanischen Mauerwerk berichtet, die im Laufe der Zeit stark zugenommen haben, sodass Anfang der 1970er-Jahre eine umfangreiche Sanierungsmaßnahme mit Mauerwerksinjektionen und weiteren statischen Sicherungsmaßnahmen stattfinden musste. In der Folgezeit sind jedoch erneut umfangreiche, statisch bedingte Rissbildungen eingetreten, deren Ursachen lange Zeit weitgehend unklar geblieben sind.

Besonders augenscheinlich waren zu Beginn der Arbeiten die vertikalen Risse, die sich über die gesamte Turmhöhe erstreckten. Daneben wurden bei einer Schadensaufnahme aber auch Salzausblühungen, Bewuchs, Metallkorrosion, defekte Fugen, eine schadhafte Regenabführung und in der Tiefe gerissene Steinquader festgestellt.

Die Sanierung

Seit 2012 wird in einem interdisziplinären Expertenteam den Schadensursachen systematisch nachgegangen. Archivrecherchen, eine grundlegende Untersuchung des vorliegenden Mauerwerksaufbaus, vielfältige Materialuntersuchungen und verschiedene statische Modellberechnungen des Mauerwerks und seiner Beanspruchung wurden in Kombination mit einem aufwändigen Untersuchungsprogramm zu einem denkmalgerechten Instandsetzungskonzept zusammengeführt. Mit den derzeit durchgeführten Arbeiten wird die langfristige Tragsicherheit des Bauwerks wiederhergestellt. Bis zur Fertigstellung ist das historische Mauerwerk mit einem Korsett aus Stahl und Holz gesichert.

Bei der Sanierung werden drei wesentliche statisch-konstruktiven Maßnahmen vorgenommen, die mit restauratorischen Arbeiten ergänzt werden.

  1. Durch eine zweistufige Injektion mit speziell auf das Bauwerk abgestimmten Zementen werden Hohlräume verfüllt, die sich über die Jahrhunderte im Mauerwerk gebildet haben. Damit wird die Festigkeit des historischen Kalkmörtels erhöht.
  2. Zur Verbesserung des Zusammenwirkens zwischen den unterschiedlichen Mauerwerksschichten und um das Füllmauerwerk des zweischaligen Aufbaus wieder für den Lastabtrag zu aktivieren, werden nahezu unsichtbar Nadelanker aus Edelstahl eingesetzt. Diese verbinden kraftschlüssig die Schichten und verteilen damit die Lasten auf das ganze Mauerwerk. Zusätzlich halten auf acht Ebenen Spannanker aus Edelstahl den Turm über die Breite zusammen.
  3. Mit der Entfernung der Spritzbetonschale im Turminneren und der Zementmörtelverfugung an der Außenseite wird die Lastkonzentration auf die Steinoberflächen reduziert und das ursprüngliche Erscheinungsbild wiederhergestellt. Einzelne Steinquader mit einem fortgeschrittenen Zerfall werden im Zuge der Arbeiten ausgetauscht, sofern ein Erhalt nicht mehr möglich ist.

Die Maßnahmen werden kontinuierlich mit einem Monitoring der Bauwerksverformungen begleitet. Dazu sind auf halber Turmhöhe Laser zur integralen Erfassung der Turmbreite installiert. Es werden außerdem einzelne, markante Rissbreiten erfasst, die Turmneigung, die Oberflächentemperaturen und die Wandtemperaturen im Querschnitt, sowie die Veränderung der Mauwerksstärke an verschiedenen Stellen. Das Monitoring wird nach dem Abschluss der Sanierung noch über einige Jahre am Turm verbleiben, um den Erfolg der Arbeiten zu überwachen.

Planung

Projektsteuerung
Klotz und Partner GmbH
Leuschnerstraße 3
70174 Stuttgart

Bauleitung
strebewerk. Architekten GmbH
Reinsburgstraße 95
70197 Stuttgart

Tragwerksplanung
Kayser + Böttges
Barthel + Maus
Ingenieure und Architekten GmbH
Infanteriestraße 11a
80797 München

Denkmalschutz
Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg
Berliner Str. 12
73728 Esslingen

Sicherheits- und Gesundheitskoordination
Ingenieurbüro Bauland
Hettenbergring 33
74889 Sinsheim

Elektrofachplanung
Ingenieurbüro für Elektrotechnik
Armin Gehrig
Hirtenweg 1
71855 Haßmersheim

Bauwerksuntersuchungen

Materialprüfung
Materialprüfungsanstalt Universität Stuttgart
Pfaffenwaldring 32
70569 Stuttgart

Bauwerksmonitoring
Materialprüfungsanstalt Universität Stuttgart
Referat Bauwerksüberwachung und zerstörungsfreie Prüfung
Pfaffenwaldring 2b
70569 Stuttgart

Bauaufnahme
Ingenieurbüro für Photogrammetrie & Vermessung Fischer
Lina-Kromer-Straße 9
79379 Müllheim / Baden

Artenschutz
Landratsamt Heilbronn
Lerchenstraße 40
74072 Heilbronn

Bauchemisches Labor
Dr. Hans Ettl und Dr. Horst Schuh
Imhofstr. 3
80805 München

Baugrunduntersuchung
Töniges GmbH
Beratende Geologen & Ingenieure
Kleines Feldlein 4
74889 Sinsheim

Baugrundgutachten
Kempfert + Partner GmbH
Höchberger Str. 28a
97082 Würzburg

Vorbeugender Brandschutz
Ralf Kludt Dipl.Ing (FH)
Sachverständige & Ingenieure für vorbeugenden Brandschutz
Leonhardstr. 13
70182 Stuttgart

Lärmschutz
Kurz und Fischer GmbH
Bückenstraße 9
71364 Winnenden

Ausführung

Stahlbau, Korsett
Urfer GmbH
Max-Eyth-Str. 1
71686 Remseck-Aldingen

Gerüst
Preuß Gerüstbau
Carl-Zeiss-Str. 1
74078 Heilbronn-Biberach

Mauerwerkssicherung
Pressbau Erfurt GmbH
Steigerstraße 9
99096 Erfurt

Natursteinarbeiten
Nüthen Restaurierung GmbH + Co.KG
Anton-Lucius-Straße 14
99085 Erfurt

Steinrestaurierung
AeDis AG für Planung, Restaurierung und Denkmalpflege
Lerchenweg 21
73061 Ebersbach-Roßwälden

Sondagen Stein
Peer Mühle - Steinmetzmeister
Heilbronner Str. 181
74321 Bietigheim-Bissingen

Holzbau, Korsett
Holzbau Wiedemann
Hagenbacher Str. 41
74177 Bad Friedrichshall

Holzrestaurierung
Zimmerei Frodermann GbR
Flachter Straße 36
70499 Stuttgart-Weilimdorf

Schreiner
Holzbau Schneiderhan GmbH
Gottlieb-Daimler-Straße 22a
74831 Gundelsheim

Dachdecker
Pflugfelder GmbH & Co. KG
Brühlstraße 8
74206 Bad Wimpfen

Elektro
Elektro-Kellhammer GmbH
Schulgasse 2
74206 Bad Wimpfen

Klemptner
Gramlich Blechnerei & Sanitär GmbH
Neugereut 1
74838 Limbach

Materialprüfungsanstalt Universität Stuttgart, F. Grüner, J. Frick (Hrsg.): Die Instandsetzung des Blauen Turms in Bad Wimpfen. Aktuelle Forschung an Kulturdenkmalen. Tagungsband zum Kolloquium am 17. Mai 2019 in Bad Wimpfen. Fraunhofer IRB Verlag, Stuttgart, 2019. ISBN: 978-3-7388-0301-3. Link zum Volltext (pdf, 25,3 MB)

F. Lehmann: Der Blaue Turm. Bauwerksüberwachung zum Erhalt unseres Kulturerbes. Deutsche Gesellschaft für zerstörugnsfreie Prüfung (DGZfP), Fachtagung Bauwerksdiagnose 2020, Praktische Anwendungen Zerstörungsfreier Prüfungen und Zukunftsaufgaben, Berlin, 13.-14. Februar 2020. Link zum Volltext (pdf, 4,76 MB)

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