Stuttgart, 4. Februar 2026 – Wie kann Bauen schneller, nachhaltiger und digitaler werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Besuchs von führenden Vertretern aus Politik, Bauwirtschaft und Start-up-Innovationsträgern an der Materialprüfungsanstalt MPA Universität Stuttgart. Dabei tauschten sich die Teilnehmenden über aktuelle Forschung sowie über Chancen und Herausforderungen für die Bauwirtschaft aus.
Zu den Teilnehmenden aus der Politik gehörten Dr. Franziska Brantner, Mitglied des Deutschen Bundestags und Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, sowie Simone Fischer, ebenfalls Mitglied des Deutschen Bundestags und Abgeordnete für den Wahlkreis Stuttgart I.
Aus der Industrie nahmen Dipl.-Ing. Markus Landgraf (Vorstand der Ed. Züblin AG), Dr. Andreas Wiedmann (Heidelberg Materials AG) und Dr. Julian Link (Holcim Süddeutschland GmbH) teil.
Ergänzt wurde die Delegation durch Dr. Maximilian Coenen (Gründer des Start-ups ConQrete 4.0 GmbH), Giulia Daniele (Geschäftsführung Tecnostrutture), Bastian Kratzke (Mitglied der Geschäftsführung Leonhardt, Andrä und Partner Beratende Ingenieure VBI AG) und Marc Kirsch (Kreisvorstand Bündnis 90/Die Grünen Stuttgart).
Von Seiten der Universität Stuttgart begleiteten Prof. Dr.-Ing. Jan Hofmann, Dekan der Fakultät Bau- und Umweltingenieurwesen, Prof. Dr.-Ing. Michael Haist, Geschäftsführender Direktor der MPA Universität Stuttgart und Leiter des Instituts für Werkstoffe im Bauwesen. Ebenfalls anwesend war Prof. Dr. sc. techn. habil. Markus Knobloch, Direktoriumsmitglied der MPA und Leiter des Instituts für Konstruktion und Entwurf, den Besuch.
Schnelles, nachhaltiges und digitales Bauen – Schlüssel für den Bau-Turbo
In seiner Begrüßung stellte Prof. Michael Haist die Materialprüfungsanstalt und ihre zentralen Forschungsfelder vor. Diese reichen von der Entwicklung nachhaltiger und leistungsfähiger Baustoffe und Bauweisen über Methoden zur sensorbasierten Überwachung und Zustandsbewertung bestehender Bauwerke bis hin zu digitalen Industrie-4.0-Methoden und robotischen Bauverfahren. Ziel ist es, die Bauqualität zu steigern, Baukosten zu senken und vor allem Bau- und Innovationsprozesse deutlich zu beschleunigen. Auch ist die MPA Universität Stuttgart zentraler Innovationspartner für den Maschinenbau und spannt somit die Brücke zwischen Bauwesen und Maschinenbau – eine Schlüsselkompetenz gerade für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg.
Prof. Michael Haist betonte die herausragende Rolle des Bauwesens für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg. Keine andere Region weltweit verfügt über eine vergleichbar hohe Dichte an industriellen Weltmarktführern, innovativen KMU, „Hidden Champions“ und kreativen Start-ups aus dem Bauwesen, ergänzt durch international anerkannte Einrichtungen der Bau-Spitzenforschung.
Unter dem Dach der MPA Universität Stuttgart entstehen gemeinsam mit führenden Unternehmen der Baustoff-, Baumaschinen-, Bauzulieferer- und Bauindustrie in Zusammenarbeit mit Technologiepartnern und Start-ups spannende Lösungen für schnelles, digitales und vor allem nachhaltiges Bauen.
Durch den Einsatz von KI-Technologien, neuen Materialien und realen Testfeldern können innovative Ideen in kürzester Zeit validiert und in anwendungsreife Lösungen überführt werden, mit höchster Sicherheit und klaren Perspektiven für die Skalierung neuer Technologien und überprüfter CO₂-Effizienz.
KI zum Anfassen und Nachhaltigkeit in Aktion
Digitale Sensorik kombiniert mit KI-gestützten Bewertungsmethoden ist in der Baupraxis bislang quasi noch unbekannt, bietet jedoch ein enormes Potenzial, Baustoffe und Bauprozesse kostengünstiger, effizienter und sicherer zu gestalten.
In mehreren praktischen Demonstrationen konnten sich die Teilnehmenden ein Bild von aktuellen Innovationen machen. Es wurde gezeigt, wie sogenannte Computer-Vision-Verfahren, also die KI-basierte Auswertung von Videodaten, dazu beitragen können, den CO2-Fußabdruck der Betonbauweise signifikant zu reduzieren. Je nach Bauwerk sind bereits heute Reduktionen zwischen 50 % und 70 % möglich.
Dr. Maximilian Coenen vom Start-up ConQrete 4.0 präsentierte hierzu eine KI-gestützte Computer-Vision-Methode zur Analyse von Gesteinskörnungen für Beton und zur Bewertung von Betoneigenschaften. Die Technologie kann sowohl die Nachhaltigkeit der Betonbauweise steigern als auch ein zentrales Problem des Bauwesens adressieren: den Fachkräftemangel. Die Vorführungen verdeutlichten, wie datenbasierte Verfahren nicht nur Laborprozesse, sondern auch die Baupraxis effizienter und sicherer gestalten können.
Forschung vom Nanometer bis zum Maßstab der Praxis
Beim Rundgang durch die Großversuchshalle der MPA Universität Stuttgart erhielten die Gäste Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte zum Tragverhalten und zur Zustandsbewertung von Brücken und Infrastrukturbauwerken. Mit der beeindruckenden Prüftechnik können ganze Brückenbauteile im Realmaßstab auf ihre Leistungsfähigkeit untersucht werden.
Prof. Markus Knobloch erläuterte die zentralen Forschungsansätze zum Erhalt und zum Ausbau der deutschen Verkehrsinfrastruktur und zeigte insbesondere die Relevanz großmaßstäblicher Versuche. Er stellte am Beispiel eines mehraxialen Ermüdungsversuchs eindrucksvoll dar, wie großmaßstäbliche Versuche dazu beitragen, die Lebensdauer und das Langzeitverhalten von Baukonstruktionen besser zu verstehen.
Ein zentrales Forschungsziel ist es weiterhin, Bauwerke und Baustoffe stärker in geschlossene Wertstoff- und Nutzungskreisläufe zu überführen und technische Lösungen so auszulegen, dass Lebensdauer, Reparaturfähigkeit und Wiederverwendbarkeit konsequent mitgedacht werden.
Bauwerkserhaltung und Brückensicherheit im Fokus
Ein zentrales Thema des Austauschs war zudem die Bauwerkserhaltung und die Frage, wie moderne Technologien zur Überwachung und Bewertung kritischer Infrastrukturen beitragen können. Anhand praktischer Demonstrationen zeigte Dr. Frank Lehmann, Abteilungsleiter Bauwerkserhaltung der MPA Universität Stuttgart, wie Risiken für Bauwerke, etwa Brücken, durch systematische Zustandsüberwachung, zerstörungsfreie Prüfverfahren und datenbasierte Analysen reduziert werden können.
Dabei wurde deutlich gemacht, dass ein breites Spektrum verfügbarer Technologien, von Sensorik über Mess- und Monitoring-Systeme bis hin zu digitalen KI-gestützten Auswerteverfahren, bereits heute eingesetzt werden kann, um Schäden frühzeitig zu erkennen, Tragreserven besser zu bewerten und Sanierungsmaßnahmen gezielter zu planen.
Die Darstellung verdeutlichte insbesondere den hohen Stellenwert von Prävention und kontinuierlicher Zustandsbewertung, um die Sicherheit und Verfügbarkeit wichtiger Verkehrs- und Infrastrukturverbindungen langfristig zu gewährleisten.
Gemeinsame Perspektiven für das Bauen von morgen
Inspiriert durch die Labordemonstrationen tauschten sich die Teilnehmenden im Anschluss im intensiven Dialog nicht nur zu den Herausforderungen, denen das Bauwesen gegenübersteht, sondern insbesondere zum Beitrag, den das Bauwesen zur Lösung der gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit leisten kann, aus.
Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, wie Bauen deutlich beschleunigt und gleichzeitig kostengünstiger und nachhaltiger gestaltet werden kann. Ebenso wurde diskutiert, wie innovative neue Baustoffe und Bauweisen, die genau dieses auch leisten, schnellstmöglich in die Praxis überführt werden können. Sowohl die anwesenden Vertreter aus Industrie und Wissenschaft, als auch Dr. Franziska Brantner und Simone Fischer waren sich einig, dass es hier mit einer simplen Abschaffung einzelner Normen oder Regelungen nicht getan ist, sondern einzelne Maßnahmen gezielt ineinandergreifen müssen.
Die Industrievertreter betonten, dass die industriellen Kapazitäten vorhanden seien, um schnell sowohl den Wohnungsbau als auch die Erneuerung der deutschen Infrastruktur voranzutreiben, dass Planbarkeit und Rechtssicherheit jedoch für die Bewältigung dieser Mammutaufgabe von essenzieller Bedeutung sind. Auch lägen leistungsfähige und sichere Konzepte vor, wie eine solche Erneuerung nachhaltig mit signifikanten CO2-Einsparungen gestaltet werden kann. Kosteneffizienz und Nachhaltigkeit seien hier kein Widerspruch, müssten aber gleich zu Beginn eines Projektes gemeinsam betrachtet und durch den Bauherrn auch eingefordert werden, um besonders effektiv zu sein.
Um Innovationszyklen im Bauwesen zu beschleunigen und vor allem Innovationen auch schnell in die Praxis zu überführen, diskutierten die Anwesenden das von der MPA Universität Stuttgart vorgeschlagene Konzept eines Bau-Innovations-Hubs, der Stuttgart ConstructionARENA, in der ganz gezielt Industrie, KMUs und Start-ups vernetzt und mit KI-, baurechtlicher und umweltrechtlicher Kompetenz unterstützt und gefördert werden.
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